Kaum haben wir sie wieder gefunden, da ist sie auch schon wieder fleißig, unsere Therese und schickt uns Post. Und schon auf den ersten Blick wird uns wieder gewahr, warum sie schon in früheren Zeiten zu unseren Partnern zählte, die liebe Seele. Wer allerdings jetzt den Himmel voller Engel erwartet der kennt sie noch nicht…, die Post von Therese.
Sie schreibt mir eine Mail. Sie schreibt: Ich muss dir was wichtiges sagen, kommst du mich besuchen?
Mein erster Gedanke: Heiraten! Dann: Nein, das wüsste ich. Dann: Schwanger! Dann: Von wem?? Dann: Oder Beides!
Ich fahre zu ihr und sie sagt: Ich lasse mich taufen.
Wie meinst du das, du lässt dich taufen?
Ich bin jetzt Christin.
Wie meinst du das, du bist jetzt Christin?
Ich glaube an Jesus.
Aha …
Und es folgt langes Schweigen.
Dann ich wieder: Wie kam es dazu?
Jemand hat mich auf der Straße angesprochen und mir einen Zettel gegeben. Darauf stand: Bibel lesen, nein danke! Und ich wurde eingeladen zu einer Gesprächsrunde. Da bin ich einfach mal hingegangen und habe ganz viele kritische Fragen gestellt. Und sie haben mir vernünftige Antworten gegeben. Ich bin dann öfters hingegangen und hab immer ganz viel auch kritisch hinterfragt und die Antworten waren wirklich sehr glaubwürdig.
Darauf ich: Da kann man dann wohl froh sein, dass dich nicht ein Taliban angesprochen hat, oder?
Und sie: Ja, vielleicht …
Wir reden die ganze Nacht, ich will es nicht wahr haben. Wir sind atheistisch erzogen, zum selber denken, zum eigenen Handeln, zur Eigenverantwortlichkeit. Religion war nie ein Thema.
Sie sagt: Es ist gar nicht bewiesen, dass Fossilien echt sind.
Ich erwidere: Du hast Biochemie studiert, du bist Wissenschaftlerin!
Und sie: Ja, und deswegen verstehe ich es auch so gut.
Sie erklärt mir, dass wir von Adam und Eva abstammen und ich frage, ob sie Lilith kennt. Sie verneint. Ich erkläre ihr die Bedeutung von Lilith und sage auch, dass sie selbst vor Eva in der Bibel erwähnt wird. Davon weiß sie nichts. Sie scheint auch nicht darüber nachdenken zu wollen.
Ich frage, ob sie auch die Schreckensgeschichte der Kirche annimmt und akzeptiert und sie sagt nein, das würde sie nicht gut heißen.
Dann vergleiche ich Jesus mit Hitler, die gleiche fanatische Anhängerschar. Das findet sie nicht gut. Ich kämpfe mit allen Mitteln. Es hilft nichts.
Sie ist den Jacobsweg gelaufen, der – so sagt sie – letzte Schritt zur endgültigen Erkenntnis, aber ich denke sie hatte sich schon davor entschieden. Die Bestätigung war nicht nötig und überhaupt, glaubt nicht jeder glückselig zu sein, der diesen Weg geht?
Sie traf dort einen jungen Mann, David, er ist nicht gläubig aber etwas verbindet die beiden und sie gehen weite Teile des Weges gemeinsam. Sie entscheidet, dass er ihr Taufpate sein soll, sie empfindet ihn als Seelenverwandt.
Doch sie erzählt mir auch, dass der Teufel listig ist und vielleicht versucht sie zu verführen. Vielleicht ist David nicht die richtige Wahl. Der Teufel – so sagt man – zitiert auch gern die Bibel. Sie schwankt und am Ende wird ihr Pastor der Taufpate. Denn was soll ein Taufpate anderes machen, als einen Zweifler auf den rechten Weg zurück zu bringen. Der Pate darf kein Feuer geben, er muss das kühlende und schmelzende Eis sein.
Es ist 4 Uhr nachts, ich gebe vorerst auf, wir schlafen.
Am nächsten Nachmittag beschließen wir ins Kino zu gehen. Es läuft: Der ewige Gärtner. Ein Film über die Machenschaften von Pharmaindustrien in Afrika. Es sterben Erwachsene und Kinder und niemanden schert es, außer einer Person und die stirbt gleich zu Beginn. Ein großartiger Film, der wachrütteln und zum Nachdenken anregen soll. Er macht mich bedrückt und ein wenig traurig, aber die Welt ist nun einmal so und es liegt allein an uns das zu ändern.
Wir gehen ins Café und sie fragt mich: Glaubst, dass es Menschen gibt, die wirklich solche schlimmen Dinge tun?
Ich schaue sie an und sage: Ja, ich weiß es.
Und ich beneide sie nicht um die heile leuchtende Welt in der sie bisher gelebt hat. Sie kennt die Welt da draußen gar nicht. Wie kann ich ihr böse sein? Wie kann ich ihre Entscheidung verteufeln und anzweifeln. Natürlich glaubt sie alles, was man ihr sagt! Jesus ist für unsere Sünden gestorben und auferstanden und uns allen ist vergeben worden. Und der Himmel ist blau und das Gras ist grün und die Welt um uns herum ist herrlich und wunderbar, jubelt und jauchzet und frohlocket!
Ein paar Monate später treffe ich sie wieder. Frage wie es ihr geht und was sie so macht. Sie sagt, sie ist nun eine Art Event-Managerin. Sie organisiert Bibelkreise und Treffen und Feiern. Ich frage nach Arbeit, sie hatte ihr Studium gut abgeschlossen, ein spannendes Diplom-Thema gehabt. Nein, da macht sie gerade nichts, das Organisieren macht ihr mehr Spaß und sie hat auch keine Zeit für andere Dinge. Ich frage, ob sie bezahlt wird. Ja, natürlich. Sie ist angestellt und erhält 400,- im Monat. Ich frage wovon sie lebt. Eine WG hat sie mit einer Freundin und ein Auto braucht sie nicht, sie hat ja ein Fahrrad und mehr braucht sie auch gar nicht zum Leben. Sie ist sehr glücklich.
Man will ihr einen Job anbieten, in Hamburg. Dort soll sie ein Café führen, nahe der Uni. Natürlich ist es ein christliches Café. Natürlich bekäme sie dort auch Geld. Das gleiche wie hier, man übernimmt natürlich die gleichen Kosten. Und es würde sie sehr glücklich machen.
Sie ist jetzt in Hamburg. Ich mache mir Sorgen um ihre Rente, um ihre Altersabsicherung. Aber da findet sich bestimmt etwas oder jemand.
Ich weiß nicht wie es ihr heute geht. Vermutlich ist sie glücklich. Ich versuche mich für sie zu freuen, es gelingt mir nicht.
Wir haben keinen Kontakt mehr. Das ist gut so, ich konnte es nicht ertragen sie so zu sehen. Eine schöne Freundin bin ich gewesen.








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