Der Tod als solches wird ja in unseren Breitengraden immer noch behandelt, als wäre er überraschender Besuch vom Nachbarn, der Samstags Morgen mit zwei Bierbüchsen vor der Tür steht und ein wenig quatschen will. Man will ihn schnell wieder los werden. Selten gelingt es Menschen einen anderen zu beerdigen, ohne sich dem gesellschaftsfähigen Jammern und der, nicht immer ganz eindeutigen Betroffenheit hinzugeben. Oder, wie in den letzten Tagen, eigentlich noch erschreckender zu beobachten, Menschen ergiessen sich in Schadenfreude über den Tod eines Mitmenschen. Kaum einmal habe ich erlebt, das ein Mensch zu Grabe getragen und seinem Andenken Genüge getan wird. So wie zum Beispiel die Beerdigung des Monty Phython Mitglieds Graham Chapman, bei dem die Grabreden seiner Kollegen nicht passender und humorvoller hätten sein können und dennoch alle Liebe zum verstorbenen, nicht immer ganz einfachen Freund zeigten.
Manche Menschen haben den Tod nicht verdient! Denn sie sollten die Ewigkeit, im Angesicht ihrer Taten und bei volle Bewusstsein erleben.
Nun gibt es aber auch den Fall, dass mich der Tod eines Menschen, obwohl er mir nahe stand, mit nichts als Leidenschaftslosigkeit berührt…,
Nachruf auf meinen Opa
Meine Mutter rief grad an. Ihr Vater – mein Opa – liegt im Sterben, oder ist vielleicht schon tot.
Meine erste Reaktion: “Danke für die Info. Muss ich zur Beerdigung kommen?”
Ich hatte kein gutes Verhältnis zu meinem Opa und kann mich auch an keine herzerweichende Situation mit ihm erinnern, die ich hier zum Besten geben könnte. Er hat mir Skat spielen beigebracht, auf die harte Schule: Ich hab vergessen zu drücken, er hat Kontra gegeben und sich diebisch gefreut wenn ich am Ende bedröppelt auf meine 2 verbliebenen Karten geschaut habe. Ok, ich habs gelernt. Doppelkopf hat er mir auch beigebracht. Das ist mein Rückblick auf 30 Jahre Opa.
Seine Lieblingsbeschäftigung lässt sich mit einem Wort umschreiben: Saufen.
Nicht einfach nur “mal was trinken” oder “eins übern Durst” oder ein “Feierabendbierchen”. Nein, er war ein richtiger Säufer. Morgens mit Alkohol angefangen und abends mit Alkohol aufgehört, wobei er sich nicht mit schnödem Bier zufrieden gegeben hat, sondern sein Liebstes war der Wilthener Weinbrand und Schnaps im Allgemeinen.
Zum Geburtstag wurde regelmäßig Nachschub geschenkt. Zum letzten Geburtstag standen 2 Flaschen Weinbrand auf dem Gabentisch – was soll man einem Alkoholiker sonst auch schenken dachte sich vermutlich meine feine Familie. Meine Mutter schenkte ihm ein Buch, wobei wohl unterstellt werden darf, dass er da nie rein geschaut hat. Meiner Oma – seiner Frau – schenkte er oft auch gern Weinbrand zum Geburtstag, wobei natürlich klar ist, wer den letztlich konsumiert hat. Ansonsten war ihm alles wurscht. Zur letztjährigen Hochzeit meiner Cousine – seiner Enkelin – kam er nicht: Keine Lust.
Aus Erzählungen meiner Mutter weiß ich, dass er ein so großartiger Vater war wie er Opa war. Hat sich immer gefreut, wenn er jemandem eins auswischen konnte. Kamen die Töchter mal später als verabredet heim, stellte er vor dem Schlafen gehen Töpfe in die Eingangstür, damits ordentlich scheppert wenn die Kinder heim kommen. Von väterlicher Liebe konnte meine Mutter nichts berichten, er war eben der Mann, der zuhause wohnt und von Zeit zu Zeit Bosheiten tat.
Wenn meine Tante nicht aufessen wollte (wobei natürlich klar ist, dass sie die Essensportion nicht selbst bestimmen durfte) blieb sie solange am Tisch sitzen bis alles aufgegessen war. Und wenns mal gar nicht weiter ging: Nase zuhalten bis der Mund aufgeht und Essen rein schieben. Meine Oma tat nichts dagegen. So war das eben in der Generation.
Das Ende kam nun wie prognostiziert (“Ich sterbe mal wie mein Onkel Johann!” – der hatte sich tot gesoffen): Vorletzte Woche hatte er leichte Bauchschmerzen die sich rasch verschlimmert haben. Er ging dann doch irgendwann ins Krankenhaus, wo in der Erst-Diagnose eine Entzündung der Leber festgestellt wurde. Er dachte dann mit ein paar Pillen kann er wieder heim gehen. Mittlerweile ist daraus eine anständige Leber-Zirrhose geworden und der Arzt stellte fest, wer ihn noch sehen möchte, sollte jetzt kommen.
Ich kann nicht mal sagen “Leider”, aber Zeit habe ich keine.
Das war mein Opa.








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Ich lebe in der festen Überzeugung, dass jeder irgendwann die Quittung für sein Leben bekommt. Für Leute wie deinen Opa empfinde ich keinerlei Mitleid.
George
Danke George!
Das war der Opa von Therese..
..und was wird aus dir, Therese? Wirst du dich jemals aus der Verachtung und der Despektierlichkeit deinem Opa gegenüber lösen können? Diese Überheblichkeit, sich so zu erniedrigen käme nie in Frage für dich..aus deinen Worten interpretiert..Ist es nicht die (deine vermeintliche) Ohnmacht die dich so wütend (nach aussen rational) machen lässt?
Therese, dein Opa wird so lange wieder in deinen Träumen wiederkehren bis du mit ihm “Frieden” geschlossen hast..ihn und damit auch dich verstanden hast..manchmal dauert es ein wenig..nimm dir die Zeit dafür!
Debbie, was verstehst du unter “Frieden schließen”? Mein erster Gedanke beim Lesen deiner Worte: Ich muss ihm verzeihen können.
Damit hast du vielleicht einerseits recht, andererseits kann ich nicht sagen, dass es mich arg belasten würde. Mein Kontakt zu ihm war spärlich und meine Wut gegen ihn ist mehr durch meine Mutter begründet. Ich hätte mir für sie einen liebevollen und aufopfernden Vater gewünscht. Nur ist diese Generation eben zumeist anders.
Ich habe kein Interesse daran ihm zu verzeihen, weil ich finde: Muss ich nicht. Könnte natürlich sein, dass du recht hast und es verfolgt mich immer mal wieder. Andererseits wenn es so bleibt wie bisher, dann lebe ich gern damit. Mir ist es wichtiger meiner Mutter beizustehen, wenn es ihr deswegen doch mal schlecht gehen sollte (sie hält sich wacker bisher).
Ich danke dir trotzdem für deine Worte, denn ich glaube zu wissen wie du sie gemeint hast.